Beispielarbeit Literaturkritik (2013/2014)

Im Dickicht der Geschichte – Aharon Appelfelds Roman „Auf der Lichtung“

Von Florian Kniffka

„Manchmal“, so lautet ein geflügeltes Wort, „sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht!“ Und „Manchmal sehen wir die Geschichte vor lauter Worten nicht“, könnte in Bezug auf Aharon Appelfelds im Januar 2014 in deutscher Übersetzung erscheinenden Roman umgedichtet werden: „Auf der Lichtung“ ist ein mühsam kriechender Text, der seine Geheimnisse nur Stück für Stück preisgibt – dessen Lektüre dafür umso lohnender ist!

Die Leserschaft schließt sich mit dem siebzehnjährigen Edmund einer Gruppe jüdischer Partisanen an. Erst im Laufe der Seiten verraten sich die historischen und geographischen Bedingtheiten: der zweite Weltkrieg tobt und die Partisanen, selbst nur knapp den Häschern entronnen, ziehen mit dem Ziel, den Konzentrationslagern so viele Opfer als möglich zu entreißen, durch die ukrainischen Wälder. Lesend erleben wir die Entwicklung Edmunds in die Gemeinschaft hinein, ja die Entstehung dieser kleinen Menschengruppe selbst im Verlauf der beschwerlichen Wanderung. Durch Sumpf und Wald erreichen sie den Fuß eines Berges, auf dessen Gipfel sie in einer türkischen Festungsruine Unterschlupf suchen wollen. Von dort aus dann werden sie die Todestransporte der „Endlösung“ überfallen und die Geretteten pflegen bis, mit dem von fern herüber schallenden Getöse der Roten Armee, der Abstieg in eine ungewisse Zukunft beginnt. Ihr Alltag ist von Versorgungszügen in umliegende Häuser und Dörfer, Leibesübungen und insbesondere das spirituelle Textstudium zur inneren Stärkung geprägt.

Das Leseerleben entspricht in seiner Zähigkeit den geschilderten Vorgängen. Die Geschichte kommt voran, obwohl die Figurenerleben schildernde Erzählung auf der Stelle zu treten scheint. Allmählich nur entwickelt sich die Geschichte in kleinen Episoden, die nur höchst selten eine ernsthafte Zustandsveränderung im Alltag der Partisanen bewirken. Neue Gegenstände, wie ein batteriebetriebenes Radio, oder aufgenommene Menschen, wie den ukrainischen Bauern Viktor, integriert der Rhythmus des tagesüblichen Geschehens wie selbstverständlich. Alles widmet sich dem sinnstiftenden Ziel der Wanderung: so viele Leben als möglich zu retten. In dieser Repetitivität droht die Rückbindung an die antisemitische Verfolgung als realen Bezugspunkt zu versinken. Die Bedrohung geht von den „Feinden“ aus. Nur zu oft wird, wie hier, eine konkrete Benennung zugunsten von Abstrakta vermieden. Insofern verdecken die Worte historische Geschichte, indem sie sich zu Fiktion verdichten. Gleichwohl lichtet sich, wie zuweilen der Wald, die Erzählung und führt unverhofft in das vergangene oder innere Leben der Partisanen. Ihre Erinnerungen und Träume flackern empor und vergegenwärtigen irrlichtgleich den historischen Bezug des Romans.

So wälzt sich der Text durch die verschiedenen Landschaften: Sumpf, Berghang, Gipfel. Diese Bewegung kräftezehrender Aufopferung und der Raum, den sie erschließt, sind von Autor Aharon Appelfeld wohl gewählt. Im 40 Jahre währenden Auszug der Israeliten aus Ägypten und durch die Wüste hat die Wanderung der Partisanen in der osteuropäischen Wildnis ihr mythologisches Vorbild. Diese ihrerseits ist nicht nur ein waldiges Geschwister der Wüste, sondern, wie der Partisanenführer Kamil betont, das „Land des Bescht“. Die Gegend, welche die Partisanen durchstreifen, hat der Gründungsvater des osteuropäischen Chassidismus durch seine meditativen Wanderungen für sie scheinbar vorbereitet. Seinen Spuren folgen sie auf der Suche nach einem Sinn ihres bedrohten Lebens und gelangen auf einen Berg – wie Moses auf den Sinai. Aus den Häusern retten sie nicht nur Nahrungsmittel und Gerät, sondern ebenso Bücher. In den allabendlich abgehaltenen Leserunden wird offenbar, dass die Bewegung durch die Welt auch ein Gang durch spirituelle und philosophische Texttraditionen ist – Martin Buber, der Talmud, Romane des klassischen Bildungsbürgertums und marxistische Theorien dienen als Wegesmarken. Dazwischen irisiert das Bedürfnis nach geistigem Halt in einem Reigen der westlichen Weltanschauungen, in dem „Auf der Lichtung“ jeder Rolle die ihr gebührende Ehre erweist. Weit entfernt von jeglichem Konsens, erkennen doch alle Gruppenmitglieder die spirituelle Strahlkraft des charismatischen Führers Kamil  oder der abrahamisch alten, mystisch erleuchteten Zirl an. In ihnen vermag sich die Seele der Menschen gleichermaßen zu spiegeln wie sie ihren Unmut erregen. Ohne Dogmatismus erneuert und wandelt gerade Zirl die jüdische Tradition, indem sie die göttliche Berührung in den gänzlich verschiedenen Menschen selbst aufzeigt.

„Auf der Lichtung“ ließe sich sicherlich zu den literarischen Aufarbeitungen der Schoah zählen. Zumal diese auch in den bisherigen Werken des Autoren den zentralen Topos bildet. Aharon Appelfeld vermag es in diesen Roman jedoch, eine neuartige Haltung den entsetzlichen Ereignissen gegenüber zu inszenieren. „Auf der Lichtung“, ein Text, der sich zunächst in Abstraktionen aufzulösen scheint, entfaltet vielmehr ein allegorisches Potenzial. In ebendiesem Zuge entexklusiviert der Roman die Bewältigung des erlebten Grauens und öffnet sie, nicht zuletzt in ihrem spirituellen Aspekt, für globale Einfühlung und Anteilnahme. Im Rahmen dessen, was man heutzutage Weltliteratur nennen könnte, leistet Aharon Appelfeld einen wertvollen Beitrag zur interkulturellen Wertschöpfung: er führt auf eine Lichtung.